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Kaufkraft

Wie die Inflationsrate entsteht und warum sie sich anders anfühlt

Das Statistische Bundesamt meldet für August 2026 eine Inflationsrate von 2,9 Prozent. Viele Menschen halten diese Zahl für zu niedrig, weil ihr eigener Einkauf teurer geworden ist als das. Beide Wahrnehmungen können zugleich stimmen. Die amtliche Rate ist ein Durchschnitt über einen Warenkorb, und kaum ein Haushalt kauft genau diesen Korb.

Galore Urban Tech Stand: 25. August 2026 6 Minuten Lesezeit

Allgemeine Verbraucherinformation der EA Consulting OÜ. Keine Anlage-, Steuer- oder Finanzberatung, keine Bankempfehlung. Rechenbeispiele sind vereinfachte Modellrechnungen. Diese Seite ist kein Angebot einer Behörde oder Bank.

Küchenzeile mit Einkäufen, Stoffbeutel und Kassenbon bei Lampenlicht
Rund 650 Güterarten stehen im Warenkorb des Verbraucherpreisindex. Was davon ein Haushalt tatsächlich kauft, entscheidet über seine persönliche Rate.

Die Inflationsrate ist die Zahl, an der sich Sparzinsen messen lassen müssen. Wer sie als Maßstab nutzt, sollte wissen, wie sie zustande kommt, was sie misst und was nicht. Das Verfahren ist öffentlich dokumentiert und weniger kompliziert, als es klingt.

Der Warenkorb

Grundlage ist der Verbraucherpreisindex (VPI). Das Statistische Bundesamt erfasst dafür monatlich die Preise von rund 650 Güterarten, von Brot über Mieten und Strom bis zu Friseurbesuchen und Pauschalreisen.[1] Jede Güterart erhält ein Gewicht, das ihrem Anteil an den Gesamtausgaben aller privaten Haushalte entspricht. Diese Gewichte stammen aus der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe und werden alle fünf Jahre neu festgelegt; das aktuelle Basisjahr ist 2020.

Wohnen, Wasser und Energie machen im Wägungsschema rund ein Viertel aus, Verkehr etwa 13 Prozent, Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke rund 12 Prozent, Freizeit und Kultur etwa 11 Prozent.[1] Die übrigen Gruppen teilen sich den Rest.

Wie aus Preisen eine Rate wird

Die Preiserheber vergleichen jeden Monat die Preise derselben Produkte in denselben Geschäften, ergänzt um Scannerdaten aus dem Handel und Preise aus dem Internet. Steigt Brot um 5 Prozent und Strom fällt um 3 Prozent, gehen beide Veränderungen mit ihrem Gewicht in den Gesamtindex ein. Die Inflationsrate ist dann die Veränderung des Gesamtindex gegenüber dem gleichen Monat des Vorjahres.

Für August 2026 ergibt das vorläufig 2,9 Prozent. Die sogenannte Kerninflation, bei der Nahrungsmittel und Energie herausgerechnet werden, lag bei 2,4 Prozent. Der Abstand zwischen beiden Werten zeigt, dass Nahrungsmittel und Energie im August stärker gestiegen sind als der Rest.[2]

Inflationsrate in Deutschland, Veränderung gegenüber dem Vorjahresmonat
MonatInflationsrateKerninflation
Juni 20262,3 %
Juli 20262,8 %
August 2026 (vorläufig)2,9 %2,4 %

Warum sie sich anders anfühlt

Der Index misst den Durchschnittshaushalt, den es nicht gibt. Drei Gründe erklären den Abstand zwischen Statistik und Empfinden:

  1. Häufigkeit. Lebensmittel und Kraftstoff kauft man wöchentlich und sieht jede Preisänderung. Ein Fernseher, der günstiger geworden ist, fällt nur alle paar Jahre auf. Preise, die man oft sieht, prägen das Gefühl stärker als ihr Gewicht im Korb.
  2. Eigene Gewichte. Wer zur Miete wohnt und kein Auto hat, erlebt eine andere Rate als ein Eigentümer mit zwei Autos. Rentnerhaushalte geben anteilig mehr für Lebensmittel, Gesundheit und Energie aus, deren Preise zuletzt überdurchschnittlich stiegen.
  3. Gedächtnis. Die Rate vergleicht mit dem Vorjahr. Wer Preise mit denen von vor drei oder vier Jahren vergleicht, sieht die aufgelaufene Teuerung mehrerer Jahre, die deutlich höher ist als jede einzelne Jahresrate.

Die amtliche Rate ist nicht falsch. Sie beantwortet nur eine andere Frage als die, die man sich an der Kasse stellt.

Die persönliche Inflationsrate

Das Statistische Bundesamt bietet einen persönlichen Inflationsrechner an, mit dem sich die eigenen Ausgabenanteile eingeben lassen.[3] Wer dort einträgt, dass er 25 Prozent seines Budgets für Lebensmittel ausgibt statt der durchschnittlichen 12, erhält eine Rate, die näher am eigenen Erleben liegt. Für Rentnerhaushalte mit hohem Anteil an Lebensmitteln, Energie und Gesundheit ergibt sich in Phasen steigender Nahrungsmittelpreise typischerweise ein höherer Wert als der Durchschnitt.

Welche Rate für Sparer zählt

Für die Frage, ob ein Sparzins die Kaufkraft erhält, ist die amtliche Rate der praktikable Maßstab. Sie ist objektiv, monatlich verfügbar und vergleichbar. Die persönliche Rate ist ehrlicher für den eigenen Haushalt, aber sie hängt von Schätzungen ab. Sinnvoll ist es, die amtliche Rate als Untergrenze zu lesen: Liegt der Nettozins unter 2,9 Prozent, verliert das Guthaben nach dem Durchschnittsmaßstab an Kaufkraft. Für einen Haushalt mit höherer persönlicher Rate gilt das erst recht. Der Beitrag Warum mehr Geld auf dem Konto nicht mehr Kaufkraft bedeuten muss führt diese Rechnung durch.

Der harmonisierte Index der EZB

Neben dem nationalen VPI gibt es den Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI), der nach einheitlichen Regeln für alle Euro-Länder berechnet wird. An ihm orientiert sich die Europäische Zentralbank bei ihrem Ziel von 2 Prozent. Die beiden Indizes unterscheiden sich in Details, etwa bei der Behandlung selbstgenutzten Wohneigentums, und weichen daher in einzelnen Monaten um einige Zehntel voneinander ab. Für die Zinsentscheidungen der EZB, und damit indirekt für Tagesgeldzinsen, zählt der HVPI des Euroraums, nicht die deutsche Rate. Der Beitrag Was der EZB-Einlagesatz mit dem eigenen Tagesgeld zu tun hat erklärt den Zusammenhang.

Warum „vorläufig“ dabeisteht

Das Statistische Bundesamt veröffentlicht am Monatsende eine Schnellschätzung, die auf den bis dahin verfügbaren Daten beruht. Rund zwei Wochen später folgt das endgültige Ergebnis, das in der Regel um höchstens ein Zehntel abweicht. Die 2,9 Prozent für August 2026 sind eine solche Schnellschätzung. Wer sie zitiert, sollte das dazusagen, und wer mit ihr rechnet, sollte das Ergebnis nicht auf die zweite Nachkommastelle ernst nehmen.

Einordnung

Die Inflationsrate ist ein Durchschnitt, kein Urteil über den eigenen Einkauf. Sie taugt trotzdem als Maßstab für Sparzinsen, weil sie die einzige Zahl ist, die jeden Monat neutral gemessen wird. Wer sie neben den eigenen Nettozins legt, sieht sofort, ob das Guthaben real wächst oder schrumpft. Und wer weiß, dass seine persönliche Rate wahrscheinlich höher liegt, liest die 2,9 Prozent als das, was sie sind: eine freundliche Untergrenze.

Quellen

  1. Statistisches Bundesamt (Destatis), Verbraucherpreisindex: Methodik, Warenkorb und Wägungsschema (Basisjahr 2020)destatis.de, Verbraucherpreisindex
  2. Statistisches Bundesamt (Destatis), Pressemitteilung Nr. 311 zur Inflationsrate im August 2026destatis.de, Pressemitteilung Nr. 311
  3. Statistisches Bundesamt (Destatis), Persönlicher Inflationsrechnerdestatis.de, Persönlicher Inflationsrechner
  4. Europäische Zentralbank, Harmonisierter Verbraucherpreisindex und Preisstabilitätszielecb.europa.eu, Geldpolitische Strategie
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